Daniel Dubbe
Roxxa Solar am 3. Mai 2009
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Bereits Anfang der Siebziger des vorherigen Jahrhunderts, begann Daniel Dubbe zu schreiben und zu veröffentlichen, “schwerelose, mit der Wucht und der Poesie des Outsiders gearbeitete Textsammlungen”, wie der Literaturkritiker Peter Henning im “Facts” urteilte. In den Achtzigern erschienen dann unter anderem die Erzählungssammlung “Wilde Männer, wenig Frauen” (1984), die Reisereportagen “Große Insel fernsüdlich” (1989) und zuletzt – der bislang einzige veröffentlichte Roman des Autors – “Bessere Tage” (1995). Daniel Dubbe ist immer noch ein Geheimtip. Insbesondere “Bessere Tage” – ein Roman über einen Schriftsteller, der sich in der Hauptsache im Nichtstun übt und am liebsten schon vormittags Gin-Tonic trinkend unterm Sonnenschirm auf der Terrasse sitzt – brachte einen erfrischenden Ton in die literarische Szene hierzulande. Diese Prosa verriet überhaupt nicht ihre Herkunft, die Deutschen Landen, das war das Bemerkenswerte. Sie erinnerte eher an, sagen wir, John Fante oder Philippe Djian. “Dubbe negiert nicht Ästhetik, seine Arbeitsweise ist antiästhetisch, um wenigstens so der Möglichkeit, Erfahrung literarisch umzusetzen, näher zu kommen”, erkannte Helmut Heißenbüttel als einer der ersten. Daniel Dubbe gibt dem potentiellen Kritiker und Nachwortschreiber immer wieder Zitate an die Hand. So heißt es in der Story “Jerome”: “Bücher geben eine entspannte Stunde am Nachmittag. Sie sollten kurz sein. Sie können einem ein hastendes, begeistertes Gefühl geben, einen leichten Wahnsinn in der U-Bahn. Sie sollten in großen Buchstaben gedruckt sein, in einem kleinen Verlag erscheinen und wertvoll aussehen, wenn sie es sind.” All dies könnte man auch zu “Hart auf hart” sagen.
Die Biographie im Schnelldurchlauf: geboren 1942; promovierte über Henri Michaux (seltsam, steht doch dessen Konzept des absolut fiktionalen Erzählens der Dubbe’schen Erzählweise diametral entgegen); er gab von 1974 bis 1983 das Blatt “Boa Vista – Zeitschrift für Neue Literatur” mit heraus (dabei waren u.a. Christoph Derschau, Bernd Cailloux, Kiev Stingl, Helmut Salzinger und Helmut Heißenbüttel); arbeitete als Werbetexter in einer großen Agentur; schrieb (und schreibt immer noch) für den Rundfunk und verschiedene Zeitungen – darunter Reisereportagen, Essays und Literaturkritiken; arbeitete für den Film (zusammen mit Uwe Schrader verfaßte er die Drehbücher zu “Mau-Mau” und “Kanakerbraut”); übersetzte aus dem Französischen (u.a. Emmanuel Bove); veröffentlichte seine Stories kontinuierlich in sogenannten “little mags” wie – in den Achtzigern – “Gasolin 23″, “Hermannstr. 14″ und “Amokkoma” sowie – in den Neunzigern – in “Cocksucker”, “Der Störer” und “Krachkultur”.
Daniel Dubbe – darauf weist er gerne hin – bezieht null Prozent seines Einkommens aus seiner Heimatstadt Hamburg. Er nennt dies “ein Leben im selbst auferlegten Exil”. (Mit Hans Erich Nossack, der ähnlich empfand, hätte er sich mög- icherweise verstanden.) Ein einziges Mal “beglückte” ihn die Hansestadt mit einem Förderpreis (das seltene Ereignis fand sogleich ironischen Eingang in den Roman “Bessere Tage”). Seit Anfang der Neunziger bewirbt Daniel Dubbe sich prinzipiell um gar nichts mehr. Viele seiner Künstlerfreunde feierten Erfolge. Sie veröffentlichten in renommierten Häusern, lancierten CDs, stellten in großen Galerien aus oder kassierten Bundes- filmpreise. Von einem Tag auf den anderen waren die meisten wieder weg vom Fenster, wie man sagt. Sie mutierten zu Stipendien-Zombies (und müssen sich als “Halbe Portionen”, so der Titel einer Story, beschimpfen lassen).
Daniel Dubbe ist immer doch da. Still und unaufdringlich arbeitet er an seinem Ruhm, liefert einer Fangemeinde – in zugegeben großen Abständen – neuen Stoff. (Dabei ist er weitaus produktiver, als es den Anschein hat. Zwischen 1977 und 2001 veröffentlichte er an die vierzig Short stories.) Sein Schaffen läßt sich in zwei Phasen aufteilen: einer ersten Storyphase, in der er für den Roman “geübt” hat (bis 1988) und einer zweiten (ab 1991), “wo die aus der Arbeit am Roman erwachsene Energie und Könnerschaft Short stories abwarf”, wie er selbst sagt. Ein Großteil der hier vorliegenden Erzählungen erschien zwischen 1991 und 1995 – zuerst oder in Zweitverwertung – in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”, nur so lange, bis das Blatt genügend Kunden am Wickel hatte, um die Seiten “sinnvoller” zu nutzen. Gerne, und dabei kann er sich das Lachen kaum verkneifen, zitiert Daniel Dubbe den verantwortlichen Redakteur: “Wir drucken an Stelle der Short stories von jetzt an lieber Anzeigen.” So viel zum Stellenwert der Literatur heute. Daniel Dubbe vertritt die Meinung, daß die Shortstory dem Roman überlegen sei. “Der Roman”, sagt er, “ist etwas für Schwätzer, für Leute, die wie Greise ihren Urin, ihre Worte nicht halten können.” Wie seine Charaktere liebt er kraftmeierische Sprüche, schmissige Worte, die zum Widerspruch reizen. Er weiß: Argumente sind Hypothesen. Worauf es ankommt, ist die stilistische Treffsicherheit. “Um zu schreiben, brauchst du Kraft, es gibt nur eins, Wahrheit oder Lüge & du brauchst deine ganze Kraft, um das auseinanderzuhalten.” So C.C. Cohn (hinter dem sich kein anderer als der Punk-Poet Kiev Stingl verbirgt, mit dem Daniel Dubbe in den Achtzigern ein Loft teilte) in der gleichnamigen Erzählung. Und weiter: “Die Wirklichkeit selber ist der Knast, glaubt mir, und wer da lebend rauskommt …” Daniel Dubbes Protagonisten haben stets diesen dringlich vorgetragenen Wunsch, “das alltägliche Niveau der Vernunft zu verlassen”, diesen “Knast der Wirklichkeit”. Mit Hilfe von Drogen bringen sie sich in fremde Zustände, steigern und entmachten ihr Denken. Eine fragwürdige Angelegenheit, zweifellos, die ihre Wurzeln bei den Beat-Poeten hat. Aber anders als Jörg Fauser ist Daniel Dubbe nur wenig von ihnen beeinflußt. Er hat eine französische Ader: Esprit und Selbstironie, wie sie vielleicht am besten in einer Äußerung von Frédéric Beigbeder zum Ausdruck gebracht werden: “Man darf sich mit gar nichts identifizieren, nicht einmal mit sich selbst.” Das stimmt natürlich nicht ganz. In dem poetologischen Text “Schreiben” aus dem Jahre 1984 läßt Daniel Dubbe verlauten: “Ich mußte ein Buch schreiben, das mit mir übereinstimmte. Beweisen, daß meine Sicht was galt.” So geht es auch in den hier versammelten Stories mehr um und ums “Sichten” – also schauen, was los ist, und um Ansichten zu dem Geschauten. Dabei kommen dann nicht selten philosophische Töne auf. Daniel Dubbe gehört zu dieser raren Sorte von Realisten, über die Kollege “Carlsburg” alias Norbert Hinterberger in “Schmerzgrenze, Schmucknarbe” sagt: “Du interessierst dich für Sachen, die passieren. Das ist eine redliche Haltung, die meiner Meinung nach zur Philosophie hinführt.”
“Hart auf hart”, das sind Szenen aus dem Nachtleben und den Hinterzimmern, vom Versagen in der Liebe und in der Kunst; das ist das Schattenleben in den Bars, aber immer Bewegung, denn: “das ist BELEBEND” (“C.C. Cohn”). Was ist das Problem dieser Leute, die an anderer Stelle als “Konterfeis in Worten” (“Jerome”) bezeichnet werden? Ihr Problem ist, daß sie sich unterbewertet fühlen und Heldenposen einnehmen. Sie sind gleichsam Schauspieler im Leben, die den Ruhm feiern, ehe sie ihn besitzen. Die Kritik des Autors setzt bei dieser haltlosen Egozentrik ein. Er möchte sie repräsentativ gestellt sehen für westliche liberale Gesellschaften überhaupt. Und so sind diese Erzählungen zwangsläufig kleine Soziotope des Scheiterns, dabei “der Störung Leben” (Norbert Hinterberger) immer hart auf den Fersen, aber nie larmoyant, vielmehr unerbittlich in der Analyse – gegen sich und gegen andere. “Denke schlecht, dann wirst du nicht fehlgehen”, sagt der von Daniel Dubbe bewunderte Cesare Pavese in “Handwerk des Lebens”. Daran wird sich hier dankenswerter Weise immer gehalten.
Die längste Story des Bandes, “Schmerzgrenze, Schmucknarbe” – als Einzelpublikation 1988 in der schicken (mittlerweile leider eingestellten) Bitter-Lemon-Reihe erschienen und später auch teilweise in den Roman “Bessere Tage” eingeflossen – enthält gute Hinweise auf die Arbeitsweise ihres Autors: “Mein Kopf produzierte diesen Unsinn”, heißt es da, “und ich will ihn nicht wegstreichen, um besser auszusehen mit meinem Schriftlichen.” Das Einfordern von Authentizität ist unüberhörbar, nennen wir das Eingeklagte doch einfach, damit den Titel eines Romans von Jörg Fauser aufgreifend, “Rohstoff”. “Auch der mißlungenste Satz ist als Material zu verwenden. Vorausgesetzt dieses Verlangen nach Deutlichkeit, das im Leben nicht vorhanden ist, außer in Momenten großer Aufrichtigkeit”, heißt es in der Story “Jerome”. Aufrichtig sind sie, diese Geschichten, hart an dem, was wie Realität erscheint, leicht und ungekünstelt, voller intelligenter Beobachtungen, “Kamerafahrten durch ein exaltiertes Szene-Hinterland – hier eine Grossaufnahme, dort ein wilder Schwenk”, wie Peter Henning in seinem Artikel vermerkt.
Daniel Dubbe weiß natürlich genau, daß Aufrichtigkeit allein nicht genügt. Sie liefert seiner Meinung nach quasi eine moralische Basis, ein existentielles Fundament, doch entscheidend sei die Arbeit am Text mit der Zielvorgabe: Auch schwierige Dinge müssen leicht wirken. Die Erzählungen treffen immer wieder genau auf den Punkt: “Ich war egozentrisch, trank zuviel, meine Freunde waren allesamt unsympathische Figuren, na ja, das genügte, was sollte ich sagen?” (“Bessere Tage”). Daniel Dubbe ist schnell und direkt, er schreibt nach der Devise “Kein Gramm Fett”. Seine besten Momente hat er im Dialog (deshalb interessierte sich auch der Film für ihn). Beispiel: “Ich bin wieder sexoman.” – “Da regt sich wenigstens noch ein Lebensimpuls in dir …” – “Ach, das ist alles nur noch Zitat … Bei mir klingelt einmal in der Woche das Telefon.” In immer neuen Formulierungen wird das eigene Elend umkreist, werden sprachliche Volltreffer gelandet, um es zu bannen. Was auffällt an diesen Stories, ist der “permanente Fluchtimpuls”, wie Daniel Dubbe es selbst nennt. Die Schauplätze sind Berlin (“noch schlimmer als Hamburg”), Paris, New York, aber auch große Inseln fern im Süden, Madagaskar oder Java. Europa als der müde, leidenschaftslose Kontinent – das ist so ein Tick von Daniel Dubbe. In Europa liessen sich keine Erfahrungen mehr machen, behauptet er, außer nichtigen, ärgerlichen. Ein zu Tode verwalteter Kontinent…Im Grunde speist sich seine ganze Arbeit aus einer “vehementen Abneigung gegen das Prätentiöse der deutschen Kulturschriftstellerei, diesem Wachsfigurenkabinett schlechten Geschmacks. wie er sagt. Deshalb auch das Schweifen in die Ferne.
In der Erzählung “Künstler des Monats” spricht der Erzähler – setzen wir ihn identisch mit dem Autor – von seiner Lieblingstugend, dem “stoischen Gleichmut”. Er ist es, der den späten Dubbe auszeichnet. Seine Figuren üben sich – nehmen wir an, sie tun es mit ihm – in hanseatischem Stoizismus. Er soll sie vor unnötigen Erregungen schützen. Bloß keine überflüssigen Streitereien. So wird man zum “Eurotaoist”, wie Tobias Gohlis einmal im “Sender Freies Berlin” Daniel Dubbe betreffend sagte. Eine Rechnung, die jedoch meist nicht aufgeht. Die sexuellen Avancen in “Lydia und die Laptops” beispielsweise scheitern kläglich. Die Figuren in Dubbes Geschichten, besonders prekär, wenn es sich um “Künstler” handelt, sind immer haltlose Egozentriker. Mit ihnen ist nur der Kampf “hart auf hart” möglich. Steht “das Friedenschließen als Ritual höherer Nützlichkeit” also wirklich über dem “wie auch immer bestimmten Ausdruck individueller Meinung”, wie es in der die Reihe der Künstler- portraits abschließenden Geschichte “Wie ich nur wegen Michel Houellebecq einen Freund und fast noch einen zweiten verlor” heißt? Wohl kaum, denn dort liest man auch: “Literatur ist nicht dazu da, frohe Botschaften zu verkünden.” (Ebendort bekommt auch jemand einen Fausthieb versetzt – im übrigen kein anderer als der Erfinder des “Eurotaoismus” selbst. Das Leben schreibt die besten Geschichten, so sagt man ja.)
Immer wieder steuert Daniel Dubbe in seinen Texten allerdings auch diesen Momenten des Einverständnisses mit dem vergänglichen Leben entgegen, wenn auch nur für kurze Augenblicke. Der freieste ist der, der sich raushält, daran ist nicht zu rütteln. Aber die “Störung Leben” stört weiter. Und so ist in dieser Prosa “die widersprüchliche Dimensionen unserer Sehnsucht” mitgedacht, wie W.G. Sebald an einer Stelle formulierte. Sie ist Vergewisserung des Lebens selbst, dabei eher ein Versuch des Erträglichmachens, weniger ein Kunstprodukt der elaborierten Art. Letztlich wirkt die Storysammlung “Hart auf hart” – wie es in “Künstler des Monats” so schön heißt – “wie eine Injektion von Lebendigkeit in ihrer ganzen kruden Verrücktheit”. Wem das nicht reicht, bitte. Uns hat’s genügt.
Daniel Dubbe wohnt immer noch im ungeliebten Hamburg. Manchmal sitzt er schon vormittags auf der Terrasse und trinkt, nein, kein Gin Tonic. Er ist auf Cola Rum umgestiegen – dabei die ganze Bandbreite der Rumsorten nutzend von “Käp’n Flint” (Hommage an R.L.Stevenson) bis “Havanna Club” (für Fidel Castro). Aber in dem jetzt erreichten Alter muß er nicht mehr unbedingt weitertrinken. Viel lieber holt er das Linchen, seine 5jährige Tochter, vom Kindergarten ab. An der Seite seiner jungen Lebensgefährtin Parthena wirkt er auch selbst jünger, weniger angeschlagen, als seine Stories das vielleicht vermuten lassen. Wenn es darauf ankommt, führt Daniel Dubbe – als wäre plötzlich eine Figur aus einer seiner Stories lebendig geworden – immer noch die Polizei hinters Licht. Ich erinnere mich, wie wir einmal nachts auf der Fahrt zum Hauptbahnhof zur Seite gewunken wurden. Daniel mußte wohl oder übel “pusten”. Das “Dr.” in den Papieren legitimierte ihn vor den Beamten als seriösen Herren, der seinen “Neffen” zum Bahnhof bringt. “Pusten Sie mal richtig”, sagte der Polizist. “Feste!” Daniel Dubbe erwies sich auch im Pusten als Profi. Wir hatten tatsächlich zu viel getrunken, die Skala aber wies nur lächerliche 0.39 Promille aus. Nachher erklärte er mir den Trick. Ich hab ihn leider vergessen. Meinen Zug verpaßte ich trotzdem, und so fuhren wir einfach direkt zur nächsten Kneipe.
Martin Brinkmann
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